Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Automatisierung

Zeit für neue Anwendungen

Von Carmen Klingler-Deiseroth | 7. Juni 2018 | Ausgabe 23

Leichte und einfache Roboter haben das Zeug, neue Märkte zu erobern – wenn gesellschaftliche Fragen gelöst sind.

cobot-BU1
Foto: Universal Robots

Montagehilfe: Kleine Unternehmen nutzen Leichtbauroboter als flexible Fertigungsassistenten – in dem Fall als „dritte Hand“.

Kollaborierende Roboter, auch Cobots genannt, können viele Tätigkeiten übernehmen, die monoton oder ergonomisch ungünstig sind oder einfach präzise sein müssen. Anhand von Pilotprojekten ermittelten große Unternehmen längst die Tauglichkeit für bestimmte Applikationen. Langsam entdecken auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) Cobots für ihre Bedürfnisse, obwohl es weiterhin Bedenken gibt.

Roboterbranche im Umbruch

Der Trend Index anlässlich der Messe Automatica 2018 zeigt z. B., dass rund 50 % der befragten Unternehmen in Deutschland Mensch-Roboter-Teams als wichtig für den Arbeitsplatz der Zukunft ansehen. Allerdings gehen auch rund 55 % davon aus, dass diese Teams Jobs überflüssig machen. Letzteres sehen Unternehmen in anderen europäischen Ländern wie England, Frankreich und Italien jedoch weniger kritisch als in Deutschland.

Und damit sind sie nicht alleine. Auch die kürzlich erschienene Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) geht davon aus, dass durch den verstärkten Robotereinsatz insgesamt gesehen sogar Jobs entstehen. Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer Robotik + Automation beim VDMA, sagt: „Trotz Mechanisierung und Automatisierung ist die Beschäftigung unter dem Strich immer gestiegen.“ Durch neue Technologien werde Raum für Neues geschaffen. In der Ökonomie spricht man von schöpferischer Zerstörung.

Foto: Kuka AG

Teachen statt Programmieren: Roboter für kleine und mittlere Unternehmen sollen sich leicht an Anwendungen anpassen lassen.

Die ebenfalls kürzlich veröffentlichte Studie „Robots at Work“ der London School of Economics (LSE) bestätigt das: Der Einsatz von Industrierobotern zeige keinen signifikanten Effekt auf die Zahl der Beschäftigten insgesamt, sagte LSE-Forschungsleiter Guy Michaels Ende April auf der Pressekonferenz der Messe München im Vorfeld zur Automatica 2018. Die LSE verglich dafür den Einsatz von Industrierobotern zwischen 1993 und 2007 in 17 entwickelten Volkswirtschaften.

Die Studien von ZEW und LSE gehen davon aus, dass sich die Entwicklung aus der Vergangenheit fortschreiben wird, wonach zunehmende Automatisierung mehr Wohlstand und mehr Arbeitsplätze bedeutete. Tatsächlich werden laut der vorige Woche veröffentlichten Prognose der International Federation of Robotics (IFR) bis zum Jahr 2020 mehr als 3 Mio. Industrieroboter in den Fabriken der Welt im Einsatz sein. Im Zeitraum von 2014 bis 2020 würde sich damit der operative Bestand mehr als verdoppeln. Die Informationstechnologie sowie Konzepte der künstlichen Intelligenz und zum maschinellem Lernen rücken dabei zunehmend in den Vordergrund.

„IT ist bei weitem der stärkste Treiber für die Neugestaltung von Arbeitsplätzen“, kommentiert dazu Junji Tsuda, Präsident der IFR. Er leitet daraus Forderungen an verantwortungsbewusste Führungskräfte ab: „Unternehmen und Regierungen müssen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Arbeiter die Fähigkeiten haben, die der technologische Wandel erfordert.“

Der rasante Wandel lässt alte Ängste aufleben. Das zeigt für Deutschland beispielsweise eine Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom, die Ende 2017 erschien. Danach sieht jedes vierte Unternehmen mit 20 und mehr Mitarbeitern seine Existenz durch die Digitalisierung bedroht.

Laut Bitkom ist die Studie repräsentativ für die Gesamtwirtschaft und die gefährdeten Unternehmen stehen demnach für hochgerechnet 3,4 Mio. sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Gleichzeitig sehen 86 % der vom Branchenverband befragten Unternehmen eher Chancen als Risiken in der zunehmenden Digitalisierung. Das zeigt den Zwiespalt, in dem sich viele Unternehmen und auch Politiker derzeit befinden.

Foto: panthermedia.net/eyeidea

„Wer innehält und die Veränderungen in die Zukunft extrapoliert, der sieht unter Umständen mit gemischten Gefühlen eine Welle des Wandels auf uns zukommen“, räumte kürzlich auch Roboterexperte Sami Haddadin gegenüber den VDI nachrichten ein (siehe Ausgabe 21/2018, S. 17). Der Professor am Lehrstuhl für Robotik und Systemintelligenz an der TU München war Anfang Mai zur Klausurtagung von CDU/CSU und SPD eingeladen, um über aktuelle Entwicklungen zu berichten.

Sein Eindruck: „Ich sehe, dass unsere Politiker momentan den Dialog suchen, sei es mit Gewerkschaften, Forschern, Unternehmen oder anderen beteiligten Gesellschaftsgruppen.“ Dies ist für ihn auch zwingend notwendig. Die Teilnehmer bei der Klausurtagung waren nach seiner Ansicht hervorragend vorbereitet und sich der Wichtigkeit des Themas Robotik und künstliche Intelligenz bewusst.

Für Haddadin ist es nun von zentraler Bedeutung, den Menschen in den Mittelpunkt der künftigen Bestrebungen zu stellen. Die Technologie solle dabei ein nützliches Werkzeug sein, das den Alltag einfacher gestaltet. „Die heute oft beobachtete Überforderung der Menschen durch das Internet und den Einsatz künstlicher Intelligenz in und um Smart Devices unterstreicht die Notwendigkeit sowie den Wert dieses menschzentrierten Ansatzes“, so der Roboterforscher. Das sei eine besondere Chance für Deutschland und Europa.

Jetzt sind weitere Schritte gefragt: „Wir müssen anfangen, die Arbeit der Zukunft zu gestalten“, betont Verbandsvertreter Schwarzkopf. Dazu will der VDMA übernächste Woche auf der Messe in München anhand von Beispielen und Demonstratoren zeigen, wie das Zusammenspiel zwischen Mensch und Assistenzsystemen wie Cobots, Exoskeletten und ähnlichen Lösungen in einer smarten Fabrik aussehen kann. „Vorgänge werden nicht einfach automatisiert, sondern die Prozesse ganz neu erfunden“, betont Schwarzkopf.

Gerade für den Mittelstand gibt es jetzt Chancen, die Automatisierung mit Leichtbaurobotern voranzutreiben. „Damit können sie ihre Standorte sichern und wettbewerbsfähig gegenüber großen Unternehmen bleiben“, sagt Helmut Schmid, General Manager Western Europe bei Universal Robots (UR) und Geschäftsführer der deutschen Landesgesellschaft. Eine Stunde Robotereinsatz koste in Stuttgart, München oder im Schwarzwald im Prinzip ja genauso viel wie in Polen, Tschechien oder Ungarn.

Diese Chance ergreifen KMU, wie Schmid am Wachstum von UR feststellt: „In den vergangenen zwei Jahren sind wir durchschnittlich um 50 % gewachsen wobei KMU davon einen Anteil von über 60 % ausmachten.“ Der Erfolg liegt für ihn zum einen daran, dass die Leichtbauroboter von UR einfach zu bedienen und zu programmieren sind – ein IT-Spezialist ist nicht nötig. Zum anderen seien sie preisgünstig. „Damit haben wir die Einstiegshürde Kosten und die Hemmschwelle, einen hochqualifizierten Spezialisten einstellen zu müssen, ausgehebelt“, argumentiert Helmut Schmid.

Längst ist der dänische Roboterhersteller mit dem Konzept nicht mehr allein. Auch andere Anbieter drängen mit einfachen und leicht zu bedienenden Robotern in den Markt. Das gilt für etablierte Roboterhersteller wie ABB, Kuka und Yaskawa ebenso wie für Start-ups.

Das weiß auch Roboterforscher Sami Haddadin, der mit seinen Partnern Simon Haddadin und Sven Parusel und dem Roboter-Start-up Franka Emika GmbH im Jahr 2017 den Deutschen Zukunftspreis erhielt.

Nach Haddadins Einschätzung sind kollaborierende Roboter am einfachsten dort einzusetzen, wo sie in bestehende Prozesse integriert werden können, um Arbeitsabläufe effizienter, kostengünstiger und für Menschen sicherer zu machen. Er hofft, „dass sich die kollaborierenden Roboter überall dort schnell durchsetzen, wo sie den Menschen vom Mühsamen und Gefährlichen entlasten können.“