Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Sonntag, 24. Juni 2018

Forschung

„Der wichtigste Stellhebel für Wettbewerbsfähigkeit“

Von Stephan W. Eder | 7. Juni 2018 | Ausgabe 23

Deutschland und Europa müssen sich für die zukünftige Innovationslandschaft rüsten, meint Fraunhofer-Experte Wilhelm Bauer.

w - IAO Bauer BU
Foto: Fraunhofer IAO

Für Wilhelm Bauer, den Vorsitzenden des Fraunhofer-Verbunds Innovationsforschung, steht fest: „Wertschöpfungssysteme müssen sich wandeln, sie müssen künftig disziplinübergreifend arbeiten und ihre Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt stellen.“

Wie wird Innovation im Jahr 2030 aussehen? Welche sind die wesentlichen Einflussfaktoren und wie werden sich diese in der Zukunft entwickeln? Und welche Herausforderungen entstehen daraus für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft?

Wilhelm Bauer

Deutschland steht heute, entsprechend dem Qualitätssiegel „Made in Germany“, für Exzellenz in technischen Innovationen. Es zeichnet sich aber ab, dass es künftig verstärkt auch auf sozioökonomische und soziotechnische Kompetenzen ankommt, wenn wir unsere Position als innovativer Wirtschaftsstandort aufrechterhalten wollen. Das ist eine der Schlussfolgerungen aus dem aktuellen Impulspapier „Wandel verstehen, Zukunft gestalten – Impulse für die Zukunft der Innovation“ des Fraunhofer-Verbunds Innovationsforschung.

Darin haben wir – das sind die Mitgliedsinstitute dieses neu gegründeten Verbunds – eine Auswahl derjenigen Trends thematisiert, die Innovationssysteme bis zum Jahr 2030 wesentlich beeinflussen werden. In fünf Thesen zur Innovation im Jahr 2030 beschreiben wir die Auswirkungen dieser Trends auf das Innovationsgeschehen und leiten daraus Herausforderungen und Aufgaben für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft ab.

Fraunhofer-Verbund Innovationsforschung

These 1: 2030 sind Offenheit, Lernfähigkeit und Kooperation die Leitbilder von Innovation. Entsprechend der Thesen gehört hierzu die Stärkung von Innovationsaktivitäten außerhalb von FuE-Abteilungen und die Wandlung der FuE-Kompetenz vom Technologielieferanten hin zur Initiierung, Koordination und Aufrechterhaltung komplexer Innovations- und Wandlungsprozesse. Dies betrifft nicht nur unternehmensinterne Abteilungen, sondern auch die Einbindung einer breiten Akteursbasis aus Unternehmen, der Wissenschaft, aus Start-ups und der Gesellschaft in Innovationsaktivitäten von der Initiierung bis hin zur Umsetzung.

These 2: 2030 stehen integrierte Lösungen im Mittelpunkt des Innovationsgeschehens. Innovationen werden in Zukunft kaum noch einzelne Produkte betreffen. Sie werden nutzwertorientierte, integrierte Lösungen und Wertschöpfungssysteme umfassen. Das bedeutet, dass an deren Entwicklung eine steigende Anzahl verschiedener Disziplinen und Funktionen in immer umfassenderen Partnernetzwerken beteiligt sein werden. Tradierte Geschäftsmodelle müssen hierzu angepasst oder komplett überarbeitet werden.

These 3: 2030 sind Innovationsprozesse durchgängig digitalisiert. Neben der Digitalisierung von Produkten und Lösungen wird 2030 auch der Innovationsprozess selbst von der Initiierung neuer Lösungen auf Basis von Nutzerdaten bis hin zur digital validierten Umsetzung von Innovationen durchgängig digitalisiert sein.

Insbesondere für Weiterentwicklungen und Verbesserungen wird die künstliche Intelligenz Innovationsprozesse unterstützen und teilautomatisieren. Menschliche Kreativität wird sich hierdurch auf die Lösungsfindung außerhalb etablierter Innovationspfade konzentrieren können – Stichwort radikale Innovationen oder Sprunginnovationen – und die Geschwindigkeit und Effizienz von Innovationsaktivitäten deutlich erhöhen.

These 4: 2030 steht Wissen allen offen – es kommt darauf an, es nutzbringend anzuwenden. Die verstärkte Zugänglichkeit zu wissenschaftlichen Erkenntnissen ermöglicht darüber hinaus, dass Wissen disziplinübergreifend in offenen Innovationsprozessen genutzt wird und Akteurinnen und Akteure in Innovationsprozesse eingebunden werden, die traditionell nicht wissenschaftsaffin waren. Hierzu gehören beispielsweise Bürgerinnen und Bürger. Darüber hinaus verlagert sich durch die steigende Verfügbarkeit von Wissen der Schwerpunkt der Akteure im Innovationsprozess in Richtung der Anwendung dieses Wissens.

These 5: 2030 verfügt Europa mit Blick auf Datensicherheit und -souveränität über ein Alleinstellungsmerkmal im globalen Wettbewerb. Eine wesentliche Chance für Deutschland und Europa liegt in der Schaffung eines führenden europäischen digitalen Ökosystems in puncto Datensicherheit und -souveränität auf Basis der wertschöpfenden Kraft seiner kulturellen Diversität.

Im Mittelpunkt des Impulspapiers stehen diejenigen Trends, die Innovationssysteme beeinflussen oder transformieren. Dazu gehören unter anderem die digitale Transformation, eine steigende Komplexität sowie eine breitere Akteursbasis im Innovationsgeschehen. Der Blick auf langfristig prägende Trends bietet die Chance, eine Diskussion darüber zu eröffnen, welche Realität uns morgen erwarten könnte und wie wir damit umgehen wollen.

Gerade Deutschland und Europa müssen sich Gedanken machen, wie Innovationen hier künftig entstehen können. Denn Innovation ist der wichtigste Stellhebel für die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen und europäischen Wirtschaftsraums.

Derzeit verändern sowohl technische als auch soziale Herausforderungen unser Innovationssystem stark, beispielsweise die digitale Transformation mit allen ihren Implikationen wie kognitiven Systemen, der Blockchain-Technologie oder neuen digitalen Geschäftsmodellen – um nur drei zu nennen.

Hinzu kommen soziale Herausforderungen wie Fachkräftemangel, Individualisierung oder Work-Life-Integration. Und letztlich stellt uns die Globalisierung vor eine Reihe von Aufgaben in Form von Handelsbeschränkungen, Urbanisierung oder volatilen Märkten.

Durch diese Einflüsse verändert sich die Innovationslandschaft innerhalb weniger Jahre entscheidend – und wir tun gut daran, darauf vorbereitet zu sein. Die Herausforderung besteht darin, bereits heute relevante Entwicklungen zu antizipieren und die Zukunft der Innovation in Deutschland und Europa im Hinblick auf die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit vorzubereiten.

Nicht nur jedes Unternehmen, sondern auch alle anderen Akteure des Innovationsgeschehens aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft müssen hierzu ihre aktuelle Position in Relation zu den entwickelten Thesen für das Jahr 2030 kritisch hinterfragen – und darauf basierend Handlungsfelder und Aufgaben ableiten.

Aus den fünf Thesen des Impulspapiers lässt sich eine Reihe von Aufgaben für Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ableiten. Zum einen empfehlen wir die Schaffung eines digitalen Handlungsrahmens in Unternehmen sowie auf deutscher und europäischer Ebene, insbesondere bezüglich Urheberschaft und Eigentumsrechten an Daten. Des Weiteren muss Open Science als integrativer Bestandteil zukünftiger Innovationsprozesse berücksichtigt werden. Der Schwerpunkt muss auf einer situationsgerechten Kuratierung, Speicherung, Auswertung und Nutzung von Daten liegen. Wertschöpfungssysteme müssen sich wandeln, sie müssen künftig disziplinübergreifend arbeiten und ihre Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt stellen.

Dazu bedarf es insbesondere einer Weiterentwicklung klassischer FuE-Kompetenzen. Letztlich ist eine offene, lernorientierte und kooperative Innovationskultur zu schaffen und als fester Bestandteil in allen Bildungseinrichtungen sowie der Weiterbildung in Unternehmen aller Größenordnungen zu etablieren.

Neben der Formulierung dieser Aufgaben soll das Impulspapier die Reflexion und Diskussion der Thesen anhand einzelner Innovationssysteme anregen. Die Bedeutung jeder einzelnen These sowie die möglichen Konsequenzen können je nach dem betrachteten Innovationssystem stark variieren. Ein Innovationssystem wird als Kombination aller Akteure und Faktoren verstanden, die Innovationen entlang des Lebenszyklus beeinflussen.

Der Reflexion und Diskussion der Zukunft von Innovation müssen sich im globalen Wettbewerb um Innovation alle Akteure aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft stellen, um das Thema Innovation auch in Zukunft als wesentliche Wettbewerbsstärke in Deutschland und Europa aufrechtzuerhalten. Mit den fünf Thesen wollen wir Denkanstöße geben für die zukunftsweisende und kritische Reflexion aktueller Innovationssysteme sowie für die Diskussion von robusten und nachhaltigen Strategien zur Gestaltung zukünftiger Innovationssysteme. 

https://s.fhg.de/innovation2030