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Mittwoch, 17. Oktober 2018

Künstliche Intelligenz

Arbeitspferd statt Schreckgespenst

Von Harald Weiss | 7. Juni 2018 | Ausgabe 23

Lernende Computer lösen echte Probleme. Der Mensch wird nicht ersetzt.

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Foto: panthermedia.net/Jirsak

Mahner malen die künstliche Intelligenz (KI) als Schreckgespenst an die Wand. „Wenn man mich fragt, was ich für die größte Bedrohung der Menschheit halte, so muss ich sagen, dass es KI ist“, behauptet beispielsweise Tesla-Chef und Selfmade-Techguru Elon Musk. Doch die Realität sieht ganz anders aus, wie auch die komplett neu gestaltete Computermesse Cebit in der kommenden Woche in Hannover zeigen wird.

Eckpunkte für eine nationale KI-Strategie

„Ich weiß, dass es eine Reihe an Pessimisten gibt, die der KI und den Robotern sehr skeptisch gegenüber stehen, aber ich teile deren Ansichten nicht“, sagte Michael Dell, Gründer und Chef von Dell Technologies, kürzlich auf einer Kundenveranstaltung in Las Vegas. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es keine Robokalypse geben wird, sondern dass die neuen Technologien der Menschheit helfen und unser Leben verbessern und vereinfachen werden.“ Dells Einschätzung nach wird sich die neue Technologie trotz aller negativen Schlagzeilen schneller ausbreiten als allgemein angenommen: „Die Unternehmen der Zukunft basieren auf Daten, KI und dem Internet.“

Dass sich KI vom Hype zur Realität wandelt, zeigt sich auch daran, dass vieles, was noch vor wenigen Jahren als einsatzfähige KI gegolten und bei einigen ein Unbehagen auslöst hatte, inzwischen wieder ad acta gelegt wurde. Beispielsweise der breit angelegte Einsatz von IBMs Watson in der medizinischen Diagnose. Viele der einst vollmundig angekündigten Projekte wurden eingestellt oder kräftig gestutzt. Das sagt Ruchir Puri, IBM-Fellow und Chefarchitekt des Watson-Systems: „Von den ursprünglichen Technologien, die bei der Quizshow und in der medizinischen Diagnose zum Einsatz kamen, ist kaum noch etwas übrig geblieben. Das, was davon noch genutzt wird, sind vor allem die Technologien der Spracherkennung.“

Auch was die heute genutzten Algorithmen angeht, besteht kein Grund zur Panik, denn selbst dort, wo KI draufsteht, ist häufig keine echte KI drin. Vielfach kämen klassische statistische Verfahren wie die Regressionsanalyse zum Einsatz, gibt Stephen Brobst vom KI-Anbieter Teradata unumwunden zu. Wo Machine- und Deep-Learning die Systeme anpassen und optimieren, ist ebenfalls keine schwarze Magie im Spiel. „Die grundlegenden mathematischen Abhängigkeiten von KI sind Allgemeingut und praktisch zum Nulltarif erhältlich“, schreibt das Marktforschungsunternehmen Gartner.

Optimismus, wie ihn Michael Dell und andere in Sachen KI verbreiten, ist also angebracht. In der Tat setzt sich KI auf vielen Gebieten immer stärker durch und wird für die nächsten Jahre nachhaltiges Wachstum bewirken. Nach einer Untersuchung des Beratungshauses Accenture könnte KI das deutsche Wirtschaftswachstum bis 2035 um jährlich 3 % steigern, das entspricht einer zusätzlichen Wertschöpfung von knapp 1 Billion € über 20 Jahre.

Eine im Auftrag des KI-Anbieters Teradata durchgeführte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass 80 % der Unternehmen mit mehr als 50 Mio. $ Jahresumsatz bereits KI-Technologie nutzen oder darin investieren. „Wir sehen eine breite KI-Adaption in nahezu allen Branchen“, heißt es in dem Bericht.

Wer bei KI aber nur an Automation, Montagehallen und Fertigungsroboter denkt, wird der Vielseitigkeit der Technik nicht gerecht. Logistik, Service, Management und Back-Office erleben derzeit die höchsten Zuwachsraten, was den KI-Einsatz angeht. Selbst da, wo man von Robotern spricht, ist oft etwas anderes gemeint. So hat das neue Anwendungsgebiet „Robotic Process Automation“ (RPA) nichts mit Robotern im industriellen Sinne gemeinsam. Dort geht es um die Automatisierung von routinemäßigen Geschäftsprozessen. Gegenwärtig sind das hauptsächlich Chatbots, KI-basierte Systeme für den Kundendienst oder für die interne Informationsbeschaffung.

KI wird heute auch zunehmend innerhalb von IT-Systeme eingesetzt. Dazu gehören beispielsweise Performance-Analyse und -Steuerungen, z. B. von Dynatrace, das Operations-Management, z. B. von Servicenow, und die automatisierten Logfile-Analysen, z. B. von Splunk, für die verbesserte IT-Sicherheit. „Ohne umfangreiche KI-Systeme können wir den Kampf gegen die Cyberangreifer nicht mehr gewinnen“, meint John Guy, CTO bei Jask, einem auf KI-basierte Sicherheitsplattformen spezialisierten Start-up in San Francisco.

Befürchtungen, dass KI die menschliche Arbeit ersetzt, scheinen vielfach überzogen, sie wird vor allem ergänzt. „KI in den Geschäftsanwendungen bedeutet, dass sich die Mitarbeiter auf das konzentrieren können, worin der Mensch gut ist, und dass Routinearbeiten von Maschinen und Algorithmen erledigt werden“, sagt Salesforce-CEO Marc Benioff. Kevin Kelly, Philosophie-Professor an der Carnegie Mellon University, weiß, wo der Mensch unersetzbar bleiben wird: „KI kann keine Schlussfolgerungen ziehen, die nicht in den bereitgestellten Daten begründet sind, das ist deren fundamentale Schwäche – Menschen können aber ‚außerhalb der Box‘ denken, das ist deren fundamentale Stärke“, lautet seine Begründung für eine realistische Einordnung von KI.

Betrachtet man die vielen positiven Entwicklungen um und innerhalb der KI-Technologie, so wird klar, dass die Technik an sich kein Angstmacher ist. Es scheint eher ein PR-Problem zu sein. Das meint jedenfalls der Stanford-Professor Jerry Kaplan. „Würde man statt KI von ‚supersmarten‘ oder ‚deduktiven‘ Systemen reden, dann gäbe es diese emotionale Diskussion wohl kaum“, schreibt er in seinem neuen Buch.

Was die Einführung von KI angeht, so sollten die Unternehmen, die noch keinen eigenen KI-Verantwortlichen haben, den CIO mit der Einführung beauftragen. „CIOs kennen in ihren Organisationen jedes System und jeden Prozess. Deshalb meine ich, dass sie das Wissen ihrer Teams nutzen sollten, um die passenden Anwendungen für eine KI-Lösung zu identifizieren und sie dann proaktiv anzugehen“, sagt Milind Waglé, CIO bei Equinix, einem weltweit operierenden Internet-Infrastrukturanbieter.